Voller
~Vorfreude und mit dem „Hals- und Beinbruch“ von allen zurückbleibenden Lehrern
fahren wir am frühen Morgen los. Sehr früh. Wenn man davor aus unerklärlichen
Gründen fast gar nicht geschlafen hat, scheint es sogar Nacht zu sein. Doch
Hauptsache ist bei unserer Abreise erst mal, dass wir vollzählig sind. Damit
mein’ ich nicht unsere doch manchmal recht anstrengenden Mitschüler, sondern
eher das näherstehende „wir“.
Aufgrund
des Schlafmangels halten es sehr viele für eine gute Idee, diese
Mangelerscheinung während der Busfahrt auszugleichen. Genug Zeit hat man ja in
den 10 Stunden. Unpraktisch ist es allerdings, wenn man geräuschvolle,
„hilfsbreite“ und manchmal erst hinterher realisierende Faktoren ganz in seiner
Nähe hat. Mehr als kurz einnicken ist also nicht möglich.
Unsere
erste Pause. Mehrere Stunden auf engstem Raum einfach nur dasitzen entwickelt
einen unerklärlichen Bewegungsdrang, der sogar soweit führt, dass man einen
Spielplatz an der Raststätte als willkommenes Geschenk sieht. Nach ein paar
Minuten schaukelnder Umwelt und ein wenig mehr durchnässt, da Regen unsere
liebevolle Begleitung ist, geht die Fahrt weiter. Nachdem ich nun bereits
etliche Male gescheitert bin, gebe ich das Schlafen auf und beobachte
stattdessen, die an mir vorbeiziehenden Landschaften und in der Nähe
befindlichen Personen. Letzteres scheint manchmal interessanter, wenn man so
die Schlafpositionen einiger Mitreisender betrachtet und den sinnfreien
Gesprächen ein Ohr schenkt. Man wird einfach „unsinnig“, in einer „nichts –
machen – können – und – bewegungsfrei – ablaufenden“ Situation, in der die
Müdigkeit ihr übriges tut. Wobei wir bereits das Stadium „aufgedreht“ erreicht
haben.
Unser
zweiter Halt ist beim allseits bekannten und von sehr vielen Jugendlichen
vergöttertem... McDoof. Leider erzielen sie diesmal mit mir keinen Profit, da
ich meinen aufkommenden Hunger bereits im Bus mit Essen à la Marke „selfmade“
gestillt habe. Zum Glück reise ich ja nicht allein.
Einige
Träumereien und sogar mal kurz schlafen später erreichen wir – mit mehr oder
weniger Druck auf den Ohren – die aufsteigenden Höhenschichten, die das
Beobachterherz ebenfalls höher schlagen lassen. Da ich ein Flachlandmensch bin,
gibt es so viel zu sehen, dass ich beim nächsten Eindruck bereits aufpassen
muss, dass er den vorherigen nicht verdrängt. Mit weiterhin wachsamen Augen
lande ich irgendwann in einer anderen Wirklichkeit und verspüre in irgendeiner
Weise eine aufsteigende Wärme von Glück. Als ich dann nach einem Schild mit der
Aufschrift „Natz“ und einem lauter werdenden Hintergrund wieder aus meinen
Tagträumereien zurückkehre, fahren wir durch ein kleines Dorf, welches mehr
Pensionen und Hotels beherbergt als eine kleine Stadt bei uns Zuhause. Vorbei
an einem kleinen Supermarkt, engstehenden Häusern, deutschsprachigen Plakaten,
umgeben von Apfelfeldern oder zumindest dem, was davon im Winter übrig ist.
Schließlich halten wir vor unserem einwöchigen Zuhause. Es wirkt etwas klein
und kitschig, was wohl vor allem an der Farbe des Gebäudes liegt. Rosarot.
Warum, um Gotteswillen, ausgerechnet rosarot?! Ich schleppe also meine Tasche
in die Nähe des Eingangs und übernehme – mal eben als „Zimmerverantwortliche“
ausgelost – den Schlüssel und entsprechende Verantwortung. Bei der Suche nach dem Zimmer stelle ich
fest, dass dieses Zuhause nicht toll ist, aber meine anfängliche
farblichbedingte Abneigung lässt doch etwas nach. Anstatt der Hochbetten, wie
wir „Kinder“ es doch gewöhnt sind, haben wir diesmal alle ein eigenes Bett. Na
ja, fast. Nach kurzer Überlegung beschließe ich das Doppelbett mit dem Menschen
in diesem Zimmer zu teilen, den ich am meisten mag und überlasse den anderen
zwei ihre uneingeschränkte Freiheit. Zumindest was das einzelnstehende Bett
betrifft. Am genialsten, tollsten und zugegebenermaßen aus anderen Gründen auch
sehr praktisch ist der Balkon, über den alle Zimmer miteinander verbunden sind.
Der Ausblick ist fantastisch – freier Blick ins Weite, der sich in Apfelfeldern
und Bergen verläuft. Ob uns nun die Aussicht dazu verführt hat, kann ich nicht
sagen, jedenfalls machen wir uns auf eine Erkundigungstour durch Natz. In
Begleitung unseres harmonierenden Zimmers wandern wir durch „niedliche“ Häuser,
untersuchen den Supermarkt und erkunden die Umgebung. Fast etwas enttäuscht
muss ich sagen, dass es keinen wirklich großen Unterschied zu Deutschland gibt
– deutsches Italien. Und doch ist es toll. Wie schon gewöhnt laufen wir die
Straße ohne Fußweg, die aus Natz herausführt, entlang und stoßen irgendwann auf
einen kleinen ~See. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie traumhaft schön so
etwas sein kann, wenn man im Hereinbruch der Nacht an einem See sitzt und die
Berge mit ihrem kleinen leuchtenden Punkten beobachtet. Doch leider wurden
meine Gedanken, von zwei so gar nicht Verträumten unterbrochen und wir setzen
unseren Weg fort. Unter unserer tollen Führung, war es irgendwie klar, dass wir
am Ende in einem Apfelfeld landen. Dazu ist unsere „Gruppe“ nun viel mehr eine
Schlange aus Zweiergruppen mit viel Luftzwischenraum. Gut so. Auch wenn der
Schall die Anwesenheit weiterer verriet, ist mir meine Zweiergruppe sehr lieb
gewesen. So treten wir die Rückkehr an.
Von
der vorhergehenden Klassenfahrt sehr negativ voreingenommen begeben wir – oder
zumindest ich - uns nach einer Weile zum Essen. Zu meinem Erstaunen schmeckt
„es“. Das heißt ich muss dieses mal nicht hungern. Schick.
„Bettzeit“ ist hier früher als bei mir Zuhause.
Schlechte Idee, denn dann wird sich wohl auch keiner daran halten. Aber wann
haben wir uns schon mal an solche Vorschriften gehalten. Ein mal von den
Lehrern durchgezählt, noch immer vollkommen aufgedreht und so gar nicht müde
beginnen wir unsere Gesprächsrunde. Einige Zeit später zucken wir beim Klopfen
an unsere Tür etwas zusammen. Doch hält ein „Herein“ keine Beschwerden der
Lehrer für uns bereit, sondern – entgegen der „Vorschrift“ – netten Besuch, vor
allem für mich. Irgendwann siegt dann allerdings doch die Müdigkeit und einer
nach dem anderen verstummt.
Mit ungewöhnlichem Laufstil, den man leider mit Skischuhen nicht verhindern kann, und mit einem nur sehr langsamen Tempo begebe ich mich zu meiner Gruppe. Anfänger. Also sie sind Anfänger und ich bin... – ehm gar nichts? Oder besser gesagt talentfrei. Die Skier unter meinen Füßen zu befestigen, bekomme ich gerade so noch auf die Reihe. Aber dann fängt es auch schon an. Blubb und ich liegt im Schnee. Noch lachend. Auch die zweite Abfahrt auf dem Idiotenhügel verläuft nicht unbedingt besser, denn jetzt lege ich mich nicht nur auf den Rücken. Nein, ich fahre mitten in eine Absperrung und tanze quasi Limbo auf Skiern. Sehr amüsant. Außer vielleicht für mich. Da es demjenigen, der einen Rettungsversuch startet dann allerdings auch nicht besser geht, muss sogar ich noch lachen. Das war die Sache wert. Auch wenn ich vielleicht so was hätte sagen sollen wie „macht euch um mich keine Sorgen und lasst mich zurück“. Kann man Skifahren mit Krieg vergleichen? Nach Stunden, einer Pause, unzähligen Stürzen, wachsender Überzeugung, das mein Vergleich mit dem Krieg doch stimmt, und ziemlichen Schmerzen im linken Knie, mag ich nur noch nach Hause und zähle quasi die Sekunden bis wir endlich wieder abfahren.
Die Kombination aus warmen Getränk und Kälte hatte mich wieder munter gemacht und so wurde die Schlafenszeit doch wieder etwas nach hinten verlegt, wenn auch nicht ganz soweit wie letzte Nacht.
Den
Ablauf von frühmorgens behalten wir auch am folgendem Tag bei und mein zweiter
Kampf auf Skiern steht an. Was ich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, war,
dass ich ihn heute verlieren würde. Ich komme noch nicht mal heil auf den Hang,
da ich mal eben beschließe mehrere Meter mit meinem Knie als Skiersatz den Hang
wieder herunter zu rutschen. Schneeflug auf Knien ist schlecht, dementsprechend
spät komme ich auch zum Stehen. Mir tut alles weh.
Noch
nicht ganz aufgegeben versuche ich den Anweisungen unseres neuen, etwas
unaufmerksamen Skilehrers zu folgen - bis es nicht mehr geht. Noch kurz vor der
Pause entscheide ich mich für die weiße Flagge. Mit meinem linken Knie verbinde
ich in diesen Augenblicken nur noch das Wort -Schmerz- und humple mit meinem
„Leidensgenossen“ in das nächstliegende Restaurant. Später drüber nachgedacht,
war es wohl doch etwas unvernünftig, in der Annahme, dass man Schmerzen einfach
so ignorieren kann, mich ein weiteres mal auf das Schlachtfeld unseres Krieges,
ihr wisst schon, zu begeben.
Wir
stärkten uns mit etwas zu essen und suchten schließlich nach einer Möglichkeit
unseren Lehrern eine Erklärung für unser Aufgeben abzuliefern. Das verlief
allerdings einfacher als gedacht. Mit so viel Verständnis hätte ich gar nicht
gerechnet.
Ab
jetzt bestritt ich meine Wege also immer nur noch humpelnd, von irgendjemand
gestützt oder sogar getragen. Ich komme mir selten so hilflos vor. Was auch gut
so ist, weil ich gerne lieber selbstständig bin, nicht nur was das Laufen
betrifft.
Der
Plan für den heutigen Abend hält Rodeln bereit. Natürlich gilt das nicht für
mich und ich bleib mit zwei meiner Liebsten zurück. Allerdings liegt zur Zeit
eine gewisse Spannung in der Luft und ich ziehe es vor mich trotz eisiger
Temperaturen auf den Balkon zu verziehen und einen der beiden in Ruhe schlafen
zu lassen. Diesen Versuch starte ich jedoch zwei mal. Zum ersten unter dem
Vorwand die Sterne zu suchen, beim zweiten etwas ehrlicher mit dem Satz, es
drinnen nicht mehr auszuhalten. Ich bleibe nicht allein draußen.
Spannung
ist ja bekanntlich die Voraussetzung für Strom. Wir reden hier also von
Elektrizität. Und alles andere sind >meine Erinnerungen. ;p
Die gute Laune doch
wiedergefunden, empfangen wir die anderen und treten dann den Weg ins Bett an.
So schnell sind wir, glaube ich, noch nie eingeschlafen. Na ja, glücklich
schläft es sich halt doch am besten.
Donnerstag
steht in diesem Falle für einen Erholungstag im Skigebiet. Allerdings nur für 2
von uns. Glück im Unglück sozusagen. Mit jeder Menge Zeit testen wir also
sogleich die Gondeln aus und ich nutze die Gelegenheit ein paar Momente in Form
eines Fotos festzuhalten. Die Absprache sich mit den anderen zur Mittagspause
zu treffen hat natürlich nicht funktioniert und trotzdem verläuft der Tag gut.
Auch wenn ich etwas weniger laufen hätte sollen. Egal.
Auch
der Resttag ist „frei“ – das weiß auch jeder gleich zu nutzen. Und zwar alle
auf ihre Art und Weise. Ein paar versammeln sich zum Tischtennis, die anderen
helfen ihrer guten Stimmung nach und unsere Gruppe spaltet sich nach einiger
Zeit in drei Teile. Anfangs noch alle zusammensitzend verdichtet sich nach und
nach mal wieder ein Hauch von „Gereiztheit“. Und wieder zieht jemand den Platz
vor der Balkontür vor, um sich vor der Gesellschaft der anderen zu drücken.
Nach einer Weile beschließen wir unter Zurücklassen der anderen, nachzufragen,
was los sei. Nach ein paar kleinen Infos überließen wir sie wieder ihrer Ruhe
und beschlossen uns in ein weniger stressiges Zimmer zurückzuziehen.
Mit
einem riesigen
Anti-Stress-Paket-mir-kann-heute-keiner-mehr-meine-gute-Laune-und-das
-Grinsen-nehmen
kehren wir schließlich zurück. Die ~anderen haben sich in der Zwischenzeit
verbündet und führen einen indirekten Kampf gegen die, die sich abgesondert
haben. Jaja, die gleiche Situation verbindet. So toll bin ich noch nie
ignoriert wurden. Doch da sich unsere auf-dem-Balkon-Sitzende bewegte, zieht es
uns sowieso wieder nach draußen. Entweder ist die langfristige Kälte schädlich
oder sie hat heute nur einen Knall. Jedenfalls führten unerwartete Taten
ihrerseits zu einem gewissen Spaßfaktor. Sowieso schon vom Glück betrunken und
zusätzlich belustigt kommen wir also in unser Zimmer zurück. Wenn ihr schon
immer mal wissen wolltet, was der beste Weg ist, um anderen die Stimmung zu
versauen: das ist er - bessere Laune haben als sie. So einen schlagartigen
Wechsel hab’ ich nur selten erlebt.
Nach Bitten der Lehrer und dem Satz, dass alle recht
bald in ihren >eigenen Betten liegen sollten, machen wir also soweit fertig.
Doch der Abend ist noch lange nicht zu Ende. Warum auch, ist ja unser letzter.
Leider waren wir zwei entgegengesetzt gepolte Lager, was heißt, dass die
Diskussionen nicht ausbleiben. Wie ich sie liebe... doch mir ging es
glücklicherweise immer noch viel zu gut, von daher haben sie mir weniger
ausgemacht, als vielleicht von unserer ~Hoheit bezweckt war. Nach einiger Zeit
diskutieren, leiser diskutieren und zwischendrin Klappe halten, wenn Licht auf
dem Gang war – wir waren ja schließlich nicht mehr allein - , war es dann auch
wieder etwas friedlicher.
Dennoch
bin ich am Abreisetag ganz froh, mein Zimmer zukünftig nur noch mit den Personen
teilen zu müssen, wo ich das müssen auch bedenkenlos durch ein wollen ersetzten
kann. Also treten wir in aller Frühe wieder unseren Heimweg an. Wieder ein mal
viel zu früh. Schließlich muss ja auch noch Ordnung in die Zimmer gebracht und
darf nichts vergessen werden, muss ich meine Verantwortung wieder abgeben und
mich schließlich in den Sitz des Busses kuscheln, um meinen zu kurz gekommenen
Schlaf nachzuholen. Diesmal hat auch das funktioniert.
An
dem Punkt, wo ich wirklich fast nicht mehr sitzen kann, aufgrund dessen, dass
es keine zweite Pause gab, sind wir dann auch endlich wieder Zuhause
angekommen. Obwohl „endlich“?
...wenn ich ein anderes Zimmer bekomme, mag ich gerne wieder zurück. ;)